Die Kaiser von Phantasien

Eine literarisch-spirituelle Betrachtung

Es ist eine Sache zu erkennen, welche psychologischen Prozesse bei den Politikern unserer Zeit abzulaufen scheinen. Offensichtlich ist da die sogenannte Projektion: diese dient der Abwehr von Angst & der Aufrechterhaltung des Selbstbildes: Manipulierende Absichten gehen vom Gegenüber aus, nicht von der eigenen Person. Für Probleme sind entsprechend stets andere verantwortlich, die Schuldigen, die anders Denken.

Dies im Argumentationsverhalten eines Lauterbach, Scholz, einer Baerbock etc. zu erkennen ist heutzutage nicht allzu schwierig. 

Wie gesagt, das zu erkennen ist eine Sache. Wir reden hier aber von einem grundsätzlichen Prinzip, dass eben auch auf uns selbst zutrifft. Wie lange ärgern wir uns nun bereits über das Verhalten dieser Leute? Wäre es eine Projektion, wenn ich mich beim Anschauen eines Filmes über die Darsteller ärgere, weil diese unreife, unkluge, oder schwache Entscheidungen treffen, im eigenen Leben hingegen aber vergleichbar schwach agiere? Dehnen wir die Bedeutung des Begriffes ein wenig aus, indem wir ihre Essenz begreifen, so geht es schlicht darum aus einem Vermeidungsimpuls heraus eigene Seelenaspekte auf die Welt zu projizieren, um sie nicht länger verinnerlichen und somit spüren zu müssen. Wir drücken sie von uns weg und machen andere für unsere Gefühle verantwortlich. 

Nun können wir also den Rest unseres Lebens die Lauterbachs dieser Welt für den Zustand eben dieser verantwortlich machen. Doch seit Anbeginn der Zeit lehren uns die Meister, dass wir das Innen nicht vom Außen trennen können. Haben wir ein grundsätzliches Problem mit dem Begriff der „Macht“, weil wir diesen mit Missbrauch gleichsetzen, so werden wir unbewusst dafür sorgen, dass wir machtlos sind. Andere werden hingegen diese Macht besitzen und sie, wie es sich gehört missbrauchen. 

Gehen wir einmal davon aus, dass das Leben tatsächlich einen spirituellen Sinn ergibt (steile These), dass wir, auch und gerade im Kollektiv Erfahrungsfelder erschaffen, die uns mit gewissen Lernthemen konfrontieren, dann wären wir aktuell aus meiner Sicht eindeutig an dem Punkt angelangt, an dem es darum geht uns wieder zu ermächtigen, an den Herausforderungen zu wachsen, ja, erwachsen zu werden. Psychologisch und spirituell betrachtet gründet besagte Entmachtung auf frühkindlichen Erfahrungen insbesondere im Elternhaus. Ein Scholz, ein Schwab, ein Drosten agieren tatsächlich als Elternersatz, wenn wir ihnen die Macht erteilen uns mit ihren abstrusen Visionen zu lenken. Denn sie können uns nur lenken, wenn wir uns lenken lassen. Wir kennen das aus der Hypnose. Deren Suggestionen wirken nur, wenn der Hypnotisierte diese annehmen möchte, wenn er den Hypnotiseur als Elternersatz akzeptiert und die eigene Verantwortung abgibt. Und wenn dies nun in der aktuellen Zeit wirklich zutrifft, dann nur, weil der eigene, verdrängte Schmerz derart groß ist, dass eine Projektion von wahrhaft epischem Ausmaß stattfindet. Wir sehen das bei einigen Menschen dort draußen. 

Bei vielen anderen aber findet das Gegenteil von Projektion statt – die Reflexion. Das nach innen schauen. Das Begreifen. Das Zusammenhalten. Das Erkennen von der Bedeutung von Gemeinschaft. Das Annehmen von der Individualität. Das Auflösen einer Generationsübergreifenden Starre und die Neuentstehung von Bewegung.

Und das bringt mich zum literarischen Aspekt dieses Textes. Ich habe soeben nach langer Zeit erneut „Die unendliche Geschichte“ gelesen, und ich möchte hier insbesondere den zweiten Teil empfehlen. Er ist ein wahrer Schatz der Inspiration. Während sich also einige Menschen derzeit selbst zum Kaiser von Phantasien krönen (Machtmissbrauch) und ihrem verirrten Ego erliegen (Empathielosigkeit), während sie Schritt für Schritt in der alten Kaiser Stadt verloren gehen (dem Ort, an dem sie schließlich dem Wahnsinn erliegen), da können wir stattdessen innehalten und uns auf die wahren Werte des Lebens besinnen. Seit jeher waren es die schweren Zeiten, die uns haben wachsen lassen, war es der Druck, der Stärke hat entstehen lassen, war es die Angst, die unsere Sinne geschärft hat.

Bastian Balthasar Bux, der Held der Geschichte von Michael Ende war ein klassisches Mobbing Opfer. Damals hat man das aber noch nicht so bezeichnet. Damals war klar, dass er schlicht Minderwertigkeitskomplexe und ein schlecht entwickeltes Körperbewusstsein hatte. Natürlich war das Leben hart zu ihm, doch es hat ihm entsprechende Aufgaben gegeben. 

Heute wird alles und jeder zu Opfern ernannt. Der Gemobbte ist ein Opfer, das ist ganz schlimm, das ist so unfair. Wir müssen die Welt ändern, unbedingt, damit es keine Opfer mehr gibt. Dass sich das Opfer hingegen ändern könnte spielt keine Rolle mehr. Ist das nun eine Projektion im hier beschriebenen Sinne? Haben wir uns kollektiv wirklich derart entmachtet, dass wir weiter auf Mami und Papi warten wollen, damit sie endlich die Welt für uns retten? Wollen wir wirklich auf all das, was das Leben wertvoll macht verzichten, laufen wir nicht Gefahr ebenfalls in der alten Kaiser Stadt, dem Ort des Wahnsinns, der Entmenschlichung zu enden? 

Vielleicht ist es an der Zeit zu erkennen, dass es zu jeder Zeit der Menschheit stets dieselben Herausforderungen zu meistern gab – mit anderen Formen von Schmerzen, anderen Arten von Furcht, doch in ihrer Essenz dasselbe Ziel verfolgend: Die Integration von veräußerlichten Aspekten des Selbst, das Annehmen und Nutzen von Aggression als schöpferische Kraft, die uns bewegt, die uns wachsen lässt (und nicht zerstört!), zugleich die Wertschätzung von Empathie und bedingungsloser Liebe, nicht nur anderen, sondern auch uns selbst gegenüber.

Dieses Innehalten, dieses nach innen gehen und Integrieren von Seelenessenz kann jeden Tag der Startpunkt sein, mit diesem Gefühl von individueller Integration können wir auf die Welt und die Menschen zugehen, um die Illusion von Trennung aufzulösen. Finden wir zuerst das Wertvolle in uns, so können wir diesen Wert schließlich veräußerlichen und eine Welt schaffen, die dem entspricht.

So lassen wir Schritt für Schritt die alte Kaiser Stadt hinter uns. 

Denn dort gehören wir nicht hin.

Wir haben noch einige Wünsche frei.

Bewegen wir uns, um sie zu finden.